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Der Personenzentrierte Ansatz

Der Personenzentrierte Ansatz nach dem Psychologen Carl Rogers (1902-1987) wurde vormals "Klientenzentriert" genannt und bezieht sich auf die zwischenmenschliche Beziehung, bei der Persönlichkeitsentwicklung und Potenzialentfaltung gefördert werden. Es wird davon ausgegangen, dass der Mensch über angeborene sogenannte Aktualisierungstendenzen verfügt und diesen, wie bei einem inneren Kompass, nachgehen will. Das Leben in Form eines Organismus will sich entfalten, sogar bei widrigen Umständen, wie z.B. eine Pflanze, die in einer dunklen Umgebung zu einem Lichtstreifen hinwächst. Bei der Gattung Mensch kommt noch die psychische bzw. seelische Komponente hinzu: Nicht nur der Körper wächst und gedeiht, auch der Geist reift und die Persönlichkeit entwickelt sich. Ein Baby erforscht die Umwelt intrinsisch, lässt einen Löffel ethliche Male fallen, um die Gravitation kennen zu lernen und prüft Dinge auf Geschmack und Haptik. Später hat das Kind Interessen und Neigungen denen es nachgehen will, Anlagen und Begabungen, die ausgelebt werden wollen, ohne dass man es ihm oder ihr vorschreiben müsste.

Wird das Individuum hierbei von zu starken Umwelteinflüssen oder Autoritäts- und Sozialisationsinstanzen gehemmt oder unterdrückt, führt dies in der Regel zu unangenehm erlebten Gefühlen, wie Ohnmacht, Frust, Angst und Trauer und darüber hinaus zu psychischen Störungen.

Carl Rogers forschte mit empirischen Mitteln, was eine zwischenmenschliche Beziehung, bei der sich Persönlichkeit und Potenzial entwickeln, ausmacht und stellte dabei drei entscheidende Variablen auf.

  1. Kongruenz, Echtheit: Der Mensch verstellt sich nicht, spielt nicht irgendeine Rolle oder will nicht einem bestimmten Bild von sich gerecht werden. Er oder sie bringt das, was er gerade erlebt, fühlt und wahrnimmt authentisch zum Ausdruck und lädt so auch das Gegenüber ein, er/sie selbst sein zu dürfen.

  2. Bedingungslose Akzeptanz: Die Akzeptanz des Gegenübers, aber auch der eigenen Person, ist nicht an Bedingungen geknüpft. Er oder sie muss nicht erst irgend eine Leistung erbracht oder sich einem Bewertungsmaßstab angepasst haben, um akzeptiert zu werden. Im Gegenteil: Zeigt sich die Person echt und ihre Gefühle offen, wird hier positive Wertschätzung entgegen gebracht, da dies Vertrauen und Nähe bedeutet.

  3. Empathie: Um verstehen und nachvollziehen zu können, worum es geht, ist das Einfühlungsvermögen entscheidend. Die empathische Wahrnehmung, nicht nur hinsichtlich der anderen, sondern auch sich selbst gegenüber, spielt auch bei der Gewaltfreien Kommunikation eine entscheidende Rolle.

Um Menschen zu verstehen und eine empathische Verbindung herzustellen, gilt es diese drei Variablen zu berücksichtigen und möglichst zu leben, nicht nur anzuwenden. Dabei war schon dem Begründer Rogers klar, dass sie sich auch ambivalent zueinander verhalten können, etwa wenn das Gegenüber eine Einstellung hat, die es schwer fällt zu akzeptieren, während dabei Authentitzität genauso wichtig ist. Also darf die Abneigung nicht verborgen werden und gleichzeitig die bedinungslose Akzeptanz nicht entgleiten, was in diesem Beispiel eine Herausforderung darstellt. Der Schlüssel, um die Verbindung aufrecht zu halten ist, echt zu bleiben, die Gefühle, die durch die Einstellung des Gegenübers ausgelöst werden, nicht zu verstecken, aber weiterhin den Menschen dahinter zu akzeptieren, weniger das, was er denkt und tut, weil er oder sie nicht darauf reduziert werden sollte. Dies in dem Moment zu verwirklichen, ist natürlich abhängig von der Intensität der eigenen Gefühle und bedarf eigenes Ermessen ohne den Verlust der Integrität. Es ist allerdings wichtig, dies auch Menschen entgegen zu bringen, die schwerkriminell sind, gemordet haben oder eine menschenfeindliche Einstellung haben. Sie sind größenteils so geworden, weil dies meistens in ihrem Werdegang oder als Heranwachsende nicht der Fall war. In der Praxis denke ich hier z.B. an Resozialisierung von Häftlingen oder um in den Dialog mit Corona- oder Klimakrisenleugnenden zu kommen, auch wenn das, wie oben erwähnt, eine riesige Herausforderung darstellt. Aber was soll denn sonst mit diesen Menschen passieren? Was hat sie so werden lassen und wie können wir wieder zueinander finden und solche Entwicklungen vermeiden?

Ich finde, das macht total Sinn und meine Erfahrungen im zwischenmenschlichen Umgang basierend auf diesen drei Variaben bestätigen das auch laufend. Wenn du du und ich ich sein dürfen, sind wir bereit uns zu öffnen, müssen uns nicht hüten vor Be- oder Verurteilungen des Gegenübers, keine Masken tragen, um jemandem gerecht zu werden oder sich zu schützen, weil man Angt davor hat, "nicht richtig" oder "zu viel" zu sein oder sonst irgendeiner Bewertung zu unterliegen. Man braucht sich nicht verstecken, zu verstellen, um vermeintliche Stärke zu zeigen, sondern darf zum Ausdruck bringen, was man gerade fühlt. Als Kinder machen wir dies viel selbstverständlicher, aber Erziehungs- und Sozialisationsinstanzen unserer Gesellschaft und Kultur beeinflussen uns und führen uns davon weg, was zur Entfremdung und einem künstlichen Selbst führen kann. So versucht der Mensch nun einem Bild von sich, einer Vorstellung zu entsprechen, um gemocht zu werden und Anerkennung zu bekommen, das aber seinem Selbst und der innewohnenden Vielfältigkeit des Menschen nie gerecht werden kann, da ein Bild eben nur ein starrer, zeitlich fest gehaltener Moment ist und eine Vorstellung eine festgeschriebene abstrakte Idee des Verstands, die aber beide somit nicht die Realität der wechselnden Dynamik des Lebendigen abbilden. Überleg mal, wie du dich heute im Laufe des Tages gefühlt hast. Vielleicht warst du heute Morgen noch etwas müde, bist aufgestanden und warst dann hungrig. Möglicherweise warst du genervt oder enttäuscht von etwas, das auf der Arbeit passiert ist, oder gespannt und erfreut über Neuigkeiten von deinen Liebsten um dich herum. Mit Sicherheit entsprechen einige dieser Gefühle, die dir zeigen, inwiefern deine Bedürfnisse gerade erfüllt sind, nicht immer dem Idealbild das du von dir hast oder von dem du meinst, diesem gerecht werden zu müssen, weil es andere von dir erwarten. Das Resultat kann dabei sein, dass du dir diese Gefühle nicht gestattest und sie versuchst zu ignorieren, zu leugenen oder mit Handlungen und Strategien weg zu bekommen. Auch wenn Sublimierung eine geeignete Strategie sein kann, um diese Spannungen zumindest zu reduzieren: solange die Gefühle nicht akzeptiert werden, solange die dahinter stehenden Bedürfnisse nicht genährt werden, verschwinden sie nicht einfach, sondern machen sich früher oder später wieder bemerkbar. Dann wohlmöglich nicht mehr vordergründig als Gefühl, sondern aus dem Unterbewussten heraus durch Abwehrmechanismen erkennbar, etwa durch körperliche Symptome oder Aggressionen.

Es spricht nichts dagegen, an sich zu arbeiten und ein Ziel zu definieren, aber dies sollte im Einklang mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen geschehen. Jemand sein zu wollen, dem oder der man nicht entspricht, bedeutet sich selbt nicht zu akzeptieren, so wie man ist und fühlt. Dies wiederum kann dazu führen, dass man ähnliches bei anderen auch nicht akzeptiert und das, was man sich selbst verbietet, auch im Außen nicht zulassen und bekämpfen will. Eine Prozess, dem jegliche Anfeindungen zu Grunde liegen.

 
 
 

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